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Buenos Aires, bitter und süß

  • Bitter und süß

    Buenos Aires

Bitter und süß

Buenos Aires

Mi Buenos Aires querida - mein geliebtes Buenos Aires heißt es in dem wohl berühmtesten Tango. Aber Vorsicht! Die Hauptstadt Argentiniens ist eine launische Geliebte, die sich einem entzieht, sobald man glaubt, sie verstanden zu haben. Trotzdem ist es eine tiefe Liebe, denn wer von ihrem melancholischem Feuer gekostet hat, den lässt sie nicht wieder los.

Endlich ist es soweit

"Oh - das Geheimnis des Tango ist das Geheimnis des Lebens! Du kennst die Lehre der Gegensätze, die zusammen eine Einheit ergeben? Anziehung - Abstoßung, zärtlich und aggressiv, sinnlich, aber gleichzeitig völlig beherrscht! Das und nichts anderes ist der Tango." Sie muß es wissen, denn Senora Lio Mendenez, die ich gerade im "Taconeando", einem traditionellen Tangolokal kennengelernt habe, war in alten besseren Zeiten eine bekannte Tangosängerin. Gemeinsam beobachten wir einen ca. 70jährigen Galan im feinen hellgrauen Anzug, ineinanderverschlungen mit einer viel jüngeren Partnerin. Trotz der schnellen "cortes" und "quebradas" zeigt er nicht einmal die Spur von Anstrengung.

Anziehung - Abstoßung! Genauso fühlt man sich in dieser Stadt. B.A. ist alles und gleichzeitig auch das Gegenteil davon. Wo beginnt man bei einer Beschreibung einer Metropole, die sich jeder Annäherung entzieht? Kann man behaupten, daß B.A. schön, reich und anheimelnd ist, wenn die Attribute häßlich, arm und aggressiv genauso stimmen. Sollte man die prächtigen Paläste, die weitläufigen Parks und die luxuriösen Einkaufstempel schildern, oder die überhandnehmende Kurruption, die zahlreichen Bausünden und die dreckigen Armenviertel, die sich wie ein Ring um die Stadt gezogen haben.

Der Einfachkeit halber beginne ich vielleicht am Besten dort, womit auch mein Reiseführer anfängt. Geschichte also. 1536, steht dort zu lesen, gründete der spanische Adelige Pedro de Mendoza ein kleines Fort namens "Pedro de nuestra Senhora de Buen Aire". Er tat dies nicht wegen der guten Luft (=buen Aire), auch nicht wegen der Muttergottes (=nuestra Senhora), sondern weil man im Landesinneren Gold zu finden glaubte. Die Hoffnung war vergebens und die Siedlung wurde wieder aufgegeben. Erst fünfzig Jahre später ....etc, Einwanderer hauptsächlich aus Spanien, Italien oder Osteuropa ... bla bla bla .. Krieg... Frieden....wieder Krieg... blablabla.

So geht´s auch nicht. Vielleicht sollte ich meine erste Begegnung mit der Stadt schildern. Das war 1989 und es sollten noch viele weiter folgen. Mein erster Eindruck war die vielen Uhren, die analog oder digital verschiedene Zeiten anzeigen. Verwirrt fragte ich einen Zollbeamten, der mir daraufhin unter Zuhilfenahme seiner Hände die Einstein´sche Relativitätstheorie zu erklären versuchte. Zehn Minuten hörte ich einiges über die Raumzeitkrümmung und einen mit lichtgeschwindigkeit reisenden Astronauten und seinen daheim gebliebenen Zwillingsbruder. Die Ortszeit, nach der ich meine Uhr stellen konnte erfuhr icch aber nicht. Also merke: Zeit ist relativ - besonders in Argentinien.

Den ersten Eindruck von der Stadt selbst bekommt man vom Flughafenbus aus, der sich durch die dichtbefahrenen Straßen pflügt, die sich wie Jahresringe um das Zentrum gelegt haben. Zuerst geht´s vorbei an abblätternden Häuserfassaden, still vor sich hinrostenden Schmiedeeisenkonstruktionen und den schreiendbunten Reklametafeln, die man wie Pflaster auf die schlimmsten Wunden der Stadt geklebt hat.

Erst in den inneren Bezirken ändert sich der Eindruck und man erblickt Vertrautes. Paläste im Neoklassizismus, viel Gründerzeit und noch viel mehr Art-Deco. Alles angehaucht von der Patina vergangener besserer Zeiten als "Reich wie ein Argentinier" in Europa eine häufig gebrauchte Floskel war. Es ist seltsam, wie vertraut dieser ort auf den Abendländer Wirkt. Hier scheint sich alles vereinigt zu haben, das man von anderen metropolen schon gesehen oder gehört hat. Ein wenig Paris und Wien, etwas Prag, viel Madrid und noch mehr Rom. Zum Drüberstreuen noch eine Prise Südamerika.

Hastende Menschen, die sich ihren Cafe´ in der Bar am Eck nur durch umso größere Eile vorher und nachher zu erkaufen scheinen. Blechlawinen, die entweder rasen oder im Stau stillstehen. Breite Boulevards, die nur gebaut wurden, damit der Verkehr in sechs Spuren stocken kann. Enge Straßen, in denen die Auspuffgase nur notdürftig mit Sauerstoff angereichert werden. Fast wie daheim. Aber keine Angst - es gibt auch Plätze auf denen man sich als Fußgänger nicht zum Abschuß freigegeben fühlt.

Recoletta zum Beispiel. Im Wohnviertel der "Who is who" von B.A. läuft das Leben schon um einige Nuancen ruhiger ab. Allerdings sollte man bei einem Einkaufsbummel hier, die dicke brieftasche nicht vergessen. Umsonst ist nur der Tod oder besser gesagt der berühmte Friedhof dieses Viertels auf dem Evita Peron begraben ist. Will man aber hier, wo die Grabsteine wie die Geschichte Argentiniens zu lesen sind, bestattet werden, sieht die Sache schon anders aus. Für einen Betrag, den man bei uns für ein üppiges Einfamilienhaus ausgibt, ist man dabei.

Beinahe argentinisch wird einem ums Herz, wenn man anschießend durch das alte San Telmo schlendert. Diese Gegend sollten sich merken, wem nach Nachtleben zumute ist. Aber davon später, denn jetzt kommen wir nach La Boca. Fußballfreunde wissen bescheid. Stimmt, Maradonna, aber auch Carlos Gardel, der König des Tangos stammt von hier. Ursprünglich war dies eine gar nicht feine Hafengegend in der die Geschäfte hauptsächlich horizontal abgewickelt wurden. Die Architektur ist dementsprechen einfach. Marke: Man nehme ein Bett und baue mit Wellblech ein Haus drumherum. In diesem Millieu der armen Einwanderer, der Matrosen und Kleinkriminellen ist der Tango großgeworden. Diese Kästen hat man auf´s allerbunteste angestrichen und heraus kam ein entzückendes Viertel, das die Touristen scharenweise zur Pocketkamera greifen läßt. Cheeeese .... klick!

Aber auch so kommt man nicht weiter. BA. ist nicht La Boca, nicht Recoletta und auch nicht die Slums am Rande dieses Molochs, von dem keiner mehr weiß, wo er anfängt und wo er aufhört. B.A. ist .... Nein, hoffnungslos. Vielleicht sollte man mit der Beschreibung seiner Bewohner beginnen. Frage: Was ist ein Argentinier? Ein Argentinier ist ein Italiener der spanisch spricht, in Südamerika lebt, in einem französischem Haus wohnt und denkt er sei Engländer oder Deutscher. Wahrlich! Dieser Formulierung hätte nicht einmal ein Meister der spitzen Feder wie Jorge Luis Borges etwas hinzuzufügen. Außer das dieser Grundsatz bei den Portenos (=Bewohner von B.A.) zur Potent gilt.

Die Volksseele hier ist wirklich einigermaßen verwirrend. Es scheint, als ob sich nur zufällig elf Millionen Individualisten in einer Stadt getroffen hätten. Es gibt nur zwei Eigenschaften die auf die Majorität zutreffen könnten. Erstens: Die Portenos lieben ihre Heimat, auch wenn man sie nur drüber schimpfen hört. Wehe dem Gringo, der versucht da mitzumischen. Zweitens: Eine Wolke stiller Wehmut scheint über jeden seiner bewohner, ja über der ganzen Stadt zu schweben. Die Portenos sind Meister der Melancholie. Sie haben es sogar geschafft sie zu einer Kunstform zu erheben. Tango.

Er riecht nach Leben und schmeckt nach Tod, heißt es im Volksmund. Die Texte handeln von unglücklicher Liebe, von Heimweh und vom Verlassenwerden. Nirgends sonst kommt die argentinische Seele so sehr an die Oberfläche wie in den Tangokneipen. Damit meine ich nicht die Touristenfallen in La Boca, sondern die schwer zu findenden Kellerlokale der Vorstadt, in die sich nur selten ein Tourist verirrt.

Meine Lieblingsbar in San Telmo könnte ohne weiters als Kulisse für einen Film dienen. Die Einrichtung ist, soweit man es im rotschimmrigen Licht erkennen kann, verschlissen und alt - aber behaglich. Das Bier ist billig und die Menschen herzlich. Vorne auf der improviesierten Bühne sitzen vier ältere Herren in schwarzen Anzügen und breiten roten Kravatten. Fast könnte man sie, mit ihren schweren Siegelringen und dem mit Brillantine zurückgeklatschtem haar für Mafiosis halten. Aber in ihren mitgebrachten Koffern sind keine maschinengewehre, sondern die Violine, der Baß und natürlich das Bandoleon.

Uno, dos, tres. "El Fuelle", der Blasebalg legt los und die anderen Instrumente stimmen mit ein. Manchmal, wenn das kleine Orchester einen besonders beliebten Tango spielt, steht ein in Ehren ergrauter Gast auf und singt bis ihm die Tränen über die backen laufen. Traurig, manchmal deprimierend und trotzdem voller Kraft wehen die Worte zu mir herüber. "Wenn die batterien leer sind - von all den Türklingeln die du drückst - auf der Suche nach einer brüderlichen Brust, an der du dich ausweinen kannst. - Wenn du spitzkriegst, daß man neben dir die Kleider anprobiert, die du hinterlassen wirst, dann erinnere dich an diesen Idioten, der eines Tages müde geworden sich hinsetzte um zu bellen."

Tango ist Masochismus in Noten verpackt. Er ist der getanzte Kult der Niederlage, von Alter und Tod, das süße Klagelied vom gebrochenem Herzen, von den unerfüllten Verheißungen des Lebens. Wie ein lustvolles Herumstochern in Narben, die noch nicht verheilt sind. Noch offene Wunden gibt es viele in dieser Stadt. Woher sie stammen, woher diese Melancholie, woher diese Kraft. All dies erfahre ich erst Jahre später.

"Ich Herr Richter, wurde in der Vorstadt geboren, wo eines Nachts die Armut Ihre Bleibe fand." An diese Textzeile eines bekannten Tangos muß ich denken, als ich in der ärmlichen aber penibel sauberen Wohnküche des Ehepaares Mendenez zum Abendessen eingeladen bin. Der mitgebrachte schwere Wein löst die Zunge von Senor Mendenez und er erzählt mir von seiner während der Militärdiktatur verschleppten und nie wieder aufgetauchten einzigen Tochter mit einer Gelassenheit als würde er aus einem Buch vorlesen. Seine Frau, die Frau ich im Tangolokal kennengelernt hatte, häkelt derweil gelassen an einem Deckchen.

Immer wenn ich die Augen schließe ist sie jung und schön, so intensiv und prickelnd ist ihre Stimme. Wenn ich meine Augen wieder öffne sehe ich eine verwelkte, vorzeitig gealtete Frau in einer wollenen Strickjacke, die sich an dem elektischen Heizgerät mit nur einem funktionierendem Glühstab wärmt. Nur die Augen haben die alte Kraft und Ausstrahlung bewahrt. Besonders als sie aufsteht um mir, von ihrem Mann musikalisch begleitet, meinen Lieblingstango vorzusingen. "Mi Buenos Aires querido" - mein geliebtes Buenos Aires. Jetzt ist er auf einmal da - der Schmerz, den ich bei ihrer Leidensgeschichte vermißt habe. Ich höre ihn in jedem Vibrato ihrer Stimme und jeder Ton aus dem Bandoleon ist ein klagender Seufzer. Tiefe Melancholie gepaart mit ungebändigter Lebenskraft die so typisch zu der Stadt gehört in der sie geboren, aufgewachsen und schließlich auch gescheitert war. Als ich weit nach Mitternacht aufbreche um in eine andere Welt - die eines Luxushotels - aufzubrechen, nennt sie mich "icho" Sohn und ich bin stolz darauf.

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