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Am Ende der Welt

  • Photo 6 Text: Joe Haider

    Am Ende der Welt

Feuerland - Am Ende der Welt

Text & Photos Joe Haider

Im tiefsten Süden Argentiniens herrschen nördlichste Verhältnisse. Eisige Kälte, Schnee, Regen und Strme pr„gen das Bild einer Landschaft, in dem der Mensch höchstens ungebetener Besucher ist. Trotzdem oder gerade deswegen übt Feuerland eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Man steht sprachlos vor seiner archaischen Schönheit und man fehlt es: Hier ist das Ende der Welt.

Endlich ist es soweit. Wie auf einer Achterbahn stürzt sich die kleine Twin-Otter der Militärfluglinie LADE nach den letzten Andengipfeln auf eine kurze Landepiste hinunter. Schon seit acht Stunden sitze ich mir hier drinnen das Hinterteil wund. Der Direktbus von der Hauptstadt Buenos Aires hätte allerdings für die 3200 km mehr als 72 Stunden gebraucht. Bis hierher - nach Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Die Außentemperatur beträgt sechs Grad, gibt der Pilot durch, und empfiehlt warme Kleidung. Dabei haben wir erst Ende Februar. Also noch fast Hochsommer.

"Im Winter dauern die Nächte fast den ganzen Tag", erzählt Senora Lubesic, die mir eines ihrer leerstehenden Zimmer vermietet hat. Ihre Eltern stammen aus Sizilien, und verheiratet ist sie mit einem emigrierten Rumänen. Immer wenn sie das Wort Italien ausspricht, kommt es mit einer solchen Inbrunst über ihre Lippen, dass man sofort weiß, dass sie sich dorthin zurücksehnt. Feuerland ist schon lange ein Schmelztiegel für viele Nationen. Sie kamen aus aller Welt, um Gold zu schürfen , weil sie mit dem Schiff gestrandet waren, um Vieh zu züchten oder sind geblieben, nachdem die Strafkolonie aufgelöst wurde, die diese Insel bis 1948 war. Aber nur die Wenigsten sind geblieben. Feuerland ist und bleibt ein Ort für Einzelgänger. Andere zerbrechen am Klima oder an der Einsamkeit. Daran konnten weder Steuererleichterungen noch Zollfreizonen etwas ändern.

Nur ein Menschenschlag ist an dieses Klima perfekt angepasst. Besser gesagt war, denn den echten Feuerländer gibt es nicht mehr. Sie wurden entweder von eingeschleppten Krankheiten dahingerafft oder von den weißen Siedlern ermordet. Noch bis Anfang dieses Jahrhunderts bekam jeder der ein Paar Indianerohren ablieferte, eine Prämie. Einzig auf der chilenischen Seite der geteilten Insel soll es noch ein paar Mischlinge geben. Mir einfach nur vorzustellen, daá hier Menschen fast nackt gelebt haben, fällt mir schwer. Bei minus 15 Grad im Winter jagten sie, vor gar nicht allzu langer Zeit, noch barfuss den Guanakos (wilde Lamaart) hinterher oder harpunierten Fische. Um sich aufzuwärmen, hatten sie nur ihre Feuerstellen. Sogar auf ihren Kanus hatten sie welche.

Genauso bemerkenswert wie ihre Widerstandskraft war ihre Sprache. Sie hatten ein dermaßen reiches Vokabular, gegen das unser Deutsch primitiv erscheint. Z.B. gab es ein einziges Wort für das Dösen an einem sonnigen Tag in einem treibenden Kanu. "WEJNA" bedeutete, beim Essen von etwas Weichem unvermutet auf eine harte Substanz zu beißen.

Die Zeiten sind lange vorbei, in denen einander hier Schiffe aus aller Welt begegnet sind. Früher wurde Öl oder Kohle gebunkert, für die lange Fahrt von einem zum anderen Ozean. Der Panamakanal hat eine viel kürzere und gefahrlosere Möglichkeit eröffnet, und Ushuaia ist wieder in relative Bedeutungslosigkeit verfallen. Die Stadt selbst ist nicht sonderlich beeindruckend. Die Backsteinbauten des Zentrums werden bald durch morsche Holzhäuser abgelöst. Manchmal versucht man vergeblich mit etwas Farbe, Kontrast in das Grau der regenschwangeren Wolken zu bringen. Noch dazu haben sich durch den Regen der letzten Tage die Fahrbahnen in B„che oder kleine Seen verwandelt, die jeden Schuh im Nu aufweichen,

Aber Ushuaia hat auch noch viel von der Pionierstadt, die sie einmal war. Man denkt an Trapper, Abenteurer und Goldsucher. Julius Popper war der berühmteste unter ihnen. Er fand soviel von dem begehrten Metall, daá er seine eigenen Münzen, natürlich aus massiven Gold, prägte. Viele dieser einfachen und schmucklosen Gebäude stammen noch aus dieser Zeit.

Gleich nach den Ufersiedlungen, dort wo der Himmel einem beharrlichen Sturm die Wolken zuschiebt, beginnt fast übergangslos das Campo (Land). Nicht weit weg davon, am Ufer des Beagle-Kanals liegt der "Parque nacional de Tierra del Fuego", der südlichste Nationalpark der Welt. Auf 63 000 Ha findet man eine unglaubliche Vielfalt an Flora, Fauna und Landschaftsformen. Zerklüftete Fjorde schneiden tief ins Landesinnere, klare Gebirgsseen, von Bibern aufgestaute Flüsse und urzeitlich anmutende Wälder, die sich die steilen Gebirgszüge hinaufziehen. Touristen werden auf den anfangs breiten Fahrwegen von einem Panoramapunkt zum nächsten gekarrt. Alle paar hundert Meter das gleiche Spiel. Pauschalurlauber strömen aus den beheizten Bussen und nehmen möglichst fotogene Posen ein. Auslöser werden betätigt und dann schnell wieder die Sitzplätze eingenommen. Es ist ja doch ziemlich kühl und außerdem schadet der Regen der Frisur.

Die Vorstellung, bei diesem Wetter, abgeschnitten von Zentralheizung und Zimmerservice, zu zelten begeistert auch mich nicht sonderlich. Immerhin habe ich in Eduardo einen ortskundigen Führer durch das Ende der Welt. Er ist Sportlehrer, sieht aus wie eine Mischung zwischen Luis Trenker und Charles Bronson, und ist nicht unbedingt ein Mann der vielen Worte. Außer "Buenos Dias" und "Vamos" habe ich noch nicht viel von ihm gehört. Auch von gemütlichen Wanderwegen scheint er nicht viel zu halten, denn schon nach kurzer Zeit schlagen wir uns einfach durchs Unterholz.

Wald ist in diesem Fall nur ein Hilfsausdruck, denn die mich umgebende Vegetation hat nur wenig mit seinen europäischen Artgenossen gemeinsam. Die Bäume, meist antarktische Buchen, stehen so dicht, dass kaum Tageslicht auf den Boden fällt. Teilweise läuft man hier wie durch eine riesige Geisterbahn der Natur. Moose und Flechten hängen in Fetzen von den Zweigen und es sieht aus als seien sie mit Lumpen beflaggt. Stürzende Bäume sind einer über den anderen gefallen und haben sich gegenseitig erschlagen. Gemeinsam bilden sie ein wirres Knäuel, so als hätte ein Riese Mikado gespielt. Der Boden besteht entweder aus glitschigen Gesteinsplatten oder ist so feucht, daá man mit jedem Schritt zentimetertief einsinkt. Alles hier scheint sich in den verschiedenen Stadien des Zerfalls zu befinden. Greift man nach einem Ast um sich hochzuziehen, hat man ihn auch schon in der Hand. Lehnt man sich erschöpft an einen dieser massiv wirkenden Stämme, so fällt er. Ich laufe, wie durch einen dieser verwunschenen Wälder aus dem Märchenbuch. Es hätte mich nicht überrascht, wären wir Wichteln oder Zwergen begegnet.

Die Überdosis an frischer Luft und die ersten zaghaften Sonnenstrahlen des Tages machen mich so Übermütig, dass ich versuche meinem Begleiter die Reize des abendländischen Jodelns n„herzubringen. Wir hocken auf einem Aussichtspunkt und sogar der schweigsame Eduardo taut angesichts dieser Pracht auf und erzählt mir von einem hiesigen "Monster". Am Himalaya haust der Yeti, in den nordamerikanischen Wäldern Big Foot, und hier gibt es den Yoshil. Er soll genauso wie seine Verwandten im Ausland behaart sein, ist aber im Gegensatz zu ihnen nur putzige 80 cm groß. Jeder hier kennt jemanden, der jemand kennt, der ihn schon gesehen haben soll.

Einige Stunden später resigniere ich beinahe an der spanischsprachigen Gebrauchsanweisung für das mitgeschleppte Zelt, während Eduardo die Verpflegung aus packt, für die er zuständig ist. Zu meinem ehrlichen Schrecken kommt nur Tee, Reis und eine Angelleine samt Haken zum Vorschein. Er erzählt mir von den Forellen, die hier bis zu neun Kilo schwer werden, und ich ihm von meinen Befürchtungen, in einigen Jahren nur anhand meines Gebisses identifiziert zu werden. Sein Resultat nach zwei Stunden sind einige Fischchen der Marke "too young to die", aber auch ein Sack

voller Miesmuscheln, die er zwischen den Felsen der Bucht gesammelt hat. Es ist empfindlich kalt geworden, und trotz Gore-Tex und Daunenjacke sitze ich schon fast im Lagerfeuer. Es riecht nach Schnee, meint mein Begleiter und wirklich - kurze Zeit später tanzen die ersten Flocken herab. Dieses Wetter- ist nicht für Menschen gemacht, denke ich, und krieche frierend in meinen Schlafsack.

Die ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages geben den Blick auf eine dick eingeschneite Märchenlandschaft frei. Das Hungergefühl und die nassen Schuhe lassen bei mir allerdings nicht viel Romantik aufkommen. Zum Frühstück gibt es nur das absolut geschmacklose "Indianerbrot". So nennt man die essbare Parasitenpflanze, deren weiße Kugeln fast jeden Baum zieren. Entlang der zerklüfteten Küste quälen wir uns Richtung Zivilisation. Hier kann man gut die Kraft des Windes erkennen, der alle Äste landeinwärts frisiert hat. Trotz zuviel Wasser über und zuwenig Erde unter sich hat sich

die Flora auch an den steilsten Hängen festgekrallt. Die Sonne l„át den Schnee rasch schmelzen und als wir am frühen Nachmittag die ersten Touristenbusse erreichen sind wir wieder einmal völlig durchnässt.

Einige Tage später verlasse ich Ushuaia wie einen Ort, der mich zwar tief beeindruckt hat, an dem ich aber nicht einmal begraben werden möchte. An Bord einer Fähre setzte ich über nach Puerto Williams, dem chilenischen Marinestützpunkt auf die Navarino Inseln. Während Ushuaia mit einiger Phantasie noch als Stadt bezeichnet werden kann, fehlen mir hier die Worte. Die wenigen festen H„user sind aus verwitterten Ziegeln zusammengesetzt, mit schwarzen Ofenrohren und einem Gewirr an elektrischen Drähten auf den Dächern. Danach kommen nur noch Hütten, die aus Brettern, Blechplatten und leeren Ölkanistern zusammengebastelt sind. Vor einer dieser Behausungen stehen einige zerzauste Kinder, die gerade ein Lamm quälen. Sie sehen mich so kalt und abschätzend an, als sei ich ihr nächstes Opfer. Ich verziehe mich lieber auf das Schiff das mich noch weiter in den Süden bringen wird und abfahrbereit im Hafen liegt.

Feuerland eignet sich wirklich gut für einen Schiffbruch. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut betr„gt hier teilweise dreizehn Meter, und auch die starke Strömung hat schon manchen Dampfer auf Grund laufen lassen. Man braucht nur einen Blick in die detaillierte Seekarte werfen. Hier findet man den Hungerhafen, den Golf der Mühsal, die Bucht der "Poco Esperanca" (= wenig Hoffnung) und gleich darauf das "Kap der letzten Hoffnung". Das Wetter macht seinem schlechten Ruf wieder einmal alle Ehre, und schon bald h„nge ich an der Reling. Die Mannschaft und die übrigen Passagiere lassen sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Mit Schaffellen vermummt und auf zusammen geschobenen Kisten hockend, sehen sie mir interessiert beim Kotzen zu.

Am frühen Abend erreichen wir unser Ziel. Abgesehen von den Antarktisstationen ist die Bucht von Tikinik der südlichste Stützpunkt der Zivilisation. Hier hört die Menschenwelt auf. Die letzten 180 Km bis Kap Hoorn hat man vernünftigerweise den Albatrossen, Seehunden und den Sturmschwalben überlassen. "Tikinik " kommt aus der Sprache der Yaghan-Indianer und bedeutet "ich weiß nicht". Es besteht nur aus zwei Häusern und einem roten Leuchtturm. Die Mitreisenden sind Matrosen samt ihren Familien. Sie werden die Besatzung ablösen, die eben ihren sechsmonatigen Dienst, völlig abgeschnitten von der Welt, beendet. Wenn mich jemand fragen würde, warum überhaupt jemand völlig einsam, in diesen Breiten, auf diesen kargen Böden und bei diesem Klima zu leben versucht, so könnte ich nur eine Antwort geben: "tikinik" - Ich weiß nicht!

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